Kooperation des Bundes mit Google wirft Fragen auf

Google zeigt seit einigen Wochen Suchergebnisse rund ums Thema Gesundheit in Kooperation mit dem Gesundheitsportal des Bundes farblich hervorgehoben. Welche Risiken und Nebenwirkungen bergen solche staatlichen Suchergebnisse? Das sollte diskutiert werden.

Gesundheitsportal gesund.bund.de wird von Google bevorzugt

Websites zum Thema Gesundheit müssen neuerdings mit einem starken Rückgang an Reichweite rechnen. Google zeigt auf Desktop zu gesundheitlichen Fragen in der rechten Spalte einen grünen Kasten mit Informationen des Gesundheitsportals gesund.bund.de

Praxis-Beispiel: Suche nach Lungenentzündung

Auf mobilen Geräten wird dieser Kasten unterhalb von Anzeigen aber oberhalb der regulären Suchergebnisse platziert. Es handelt sich also nicht um ein normales Suchergebnis, bei dem der Bund zufällig ganz vorne rankt, sondern um eine Kooperation. Ein staatliches Suchergebnis sozusagen.

In den organischen Suchergebnissen rankt gesund.bund.de zum Suchbegriff “Lungenentzündung” aktuell auf Position 80. Die Website ist noch vergleichsweise neu und bessere Rankings brauchen normalerweise Zeit in so einem umkämpften Markt.

Doch in diesem Fall wird das Suchergebnis des Bundes direkt auf Position 0 angezeigt, vor den Platzhirschen bei Gesundheitsthemen netdoktor.de, apotheken-umschau.de oder Wikipedia.

“Die Corona-Pandemie zeigt, wie wichtig seriöse Gesundheitsinformationen sind. Denn nur wer fundierte Informationen hat, kann sich und andere schützen. Mit dem Nationalen Gesundheitsportal wollen wir Bürgerinnen und Bürger auch jenseits von Corona zu Fragen rund um ihre Gesundheit informieren. Dabei hilft die Zusammenarbeit mit Google. Wer nach Gesundheitsthemen im Internet sucht, findet künftig noch leichter zu unserem Nationalen Gesundheitsportal.”

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Das staatliche Suchergebnis mag in Zeiten einer Pandemie vielleicht geeignet sein, um die Vielzahl der Verschwörungsmythen und Fake-News aus den Suchereignissen zu verbannen und verifizierte Informationen hervorzuheben.

Wir erinnern uns aber noch an den Aufschrei, als Google sich aus dem chinesischen Markt zurückzog, um sich der staatlichen Zensur zu widersetzen. Zwar wird Google in Deutschland nicht zensiert, aber der Wettbewerb um Platzierung in den Suchmaschinen wird durch die hervorgehobenen Suchergebnisse des Bundes stark verzerrt und könnte sich bald auf weitere Bereiche ausweiten.

Was, wenn nun auch das Finanzministerium, das Wirtschaftsministerium oder der BND gerne die Deutungshoheit auf Google für sich beanspruchen möchten, statt ihre SEO-Hausaufgaben zu machen und das beste Suchergebnis zu bieten? 

“Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit haben wir bereits in den vergangenen Monaten zusammengearbeitet, um Menschen jederzeit schnell und einfach aktuelle und verifizierte Informationen zum Coronavirus bereitzustellen. Diese wertvolle Zusammenarbeit erweitern wir nun auf zahlreiche weitere Gesundheitsthemen. Immer mehr Menschen nutzen Google, um verlässliche Informationen zu Symptomen oder Krankheiten zu finden – und die Knowledge Panels für Gesundheitsthemen auf Basis des Nationalen Gesundheitsportals erfüllen genau diese Nachfrage.”
Philipp Justus, Vice President Google Zentral-Europa

Die Aussage von Google wirft vor allem eine Frage auf: wie sehr traut Google eigentlich seinen eigenen Suchergebnissen? Hat Google ein Problem Fake-News, unbelegte Behauptungen und unseriöse Quellen zu erkennen? Zwar betont Google in seinen Richtlinien immer wieder wie wichtig Expertise, Autorität und Glaubwürdigkeit vor allem in sensiblen Bereichen wie Gesundheit und Finanzen sei, aber offenbar ist der Algorithmus nicht so gut, um die zweifellos sauber recherchierten und belegten Informationen des Bundes in den organischen Suchergebnissen vorne anzuzeigen und im Wettbewerb mit anderen Auslegungen.

Zwar ist das Vertrauen in die Regierung während der Corona-Pandemie – ganz im Gegensatz zu den Bildern der vielen Corona-Demonstrationen – erstaunlich groß, doch man sollte sich diese Kooperation mal mit einem Trump, einem Orban oder einer AfD an der Regierung vorstellen, um sich über die Ausmaße klar zu werden. In Frankreich ist die Gefahr schon wesentlich näher, wo bereits 2022 eine Rechtspopulistin und Nationalistin zur ersten Präsidentin gewählt werden könnte.

In einer Pressekonferenz wurde die Kooperation des BMG und Google vorgestellt, leider gibt es an einigen entscheidenden Stellen Hänger in der Übertragung und die anwesenden Journalisten schienen sich nicht groß für dieses scheinbar nischige Thema zu interessieren und stellten stattdessen nur Fragen zu Corona. 

Die Daten des Gesundheitsportals stehen auch anderen Anbietern offen, wie Google bei der Pressekonferenz betonte. Man hebe sie letztlich nur deshalb hervor, um den Nutzern schnellstmöglich relevante und vertrauenswürdige Informationen zu bieten. Spahn zeigte sich entsprechend dankbar für dieses millionenschwere Geschenk aus dem Silicon Valley, schließlich kann man sich dann erhebliche Budgets für SEO sparen. Betroffene Verlage meldeten dagegen natürlich ihre Bedenken gegen diese Wettbewerbsverzerrung an.

“Eine solche Verdrängung der privaten Presse durch ein staatliches Medienangebot auf einer digitalen Megaplattform ist ein einmaliger und neuartiger Angriff auf die Pressefreiheit”, sagte der Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Rudolf Thiemann. Es käme schließlich auch keiner auf die Idee bei politischen News die Nachrichten des Bundespresseamtes den freien Medien vorzuziehen. Fakt ist aber auch, dass nicht der Staat die Platzierung verordnet, sondern Google sie aus freien Stücken als Service für seine Nutzer eingebaut hat. Insofern hinkt der Vergleich gewaltig.

Was Publisher jetzt tun sollten

Wer Inhalte zum Thema Gesundheit publiziert, sollte dringend überprüfen (lassen), zu welchen Suchbegriffen die Inhalte des Gesundheitsportals bereits hervorgehoben platziert werden. Top platzierte Publisher werden bei diesen Begriffen mit deutlichen Rückgängen bei der Reichweite zu rechnen haben. 

Zum Start stehen Informationen für 160 Krankheiten zur Verfügung, vermutlich wird das Portal in nächster Zeit rasant wachsen. Diese Entwicklung gilt es regelmäßig zu beobachten und die Auswirkungen auf die Performance der eigenen Website zu messen. 

Generell gehören Finanzen und Gesundheit zu den schwierigsten Themen innerhalb von SEO, es ist also weiterhin mit starken Schwankungen zu rechnen.

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Udo Raaf
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Veröffentlicht in SEO