Tech-Investor und Serienunternehmer Scott Galloway erklärt in einem aktuellen Podcast, warum die Endzeitszenarien der Tech-CEOs pures Fundraising sind und dem überbewerteten KI-Markt eine massive Korrektur droht.
In der Digital- und SEO-Welt herrscht (mal wieder) akuter Aktionismus. Agenturen überschlagen sich mit Ratschlägen, wie man jetzt schnell für „GEO“ (Generative Engine Optimization) optimieren muss, Budgets werden panisch umgeschichtet, und jeder will der Erste sein. Dabei wissen wir noch gar nicht, wohin die Reise geht, wenn ein Gericht in München Google soeben für falsche KI-Antworten in Haftung genommen hat.
Während die einen offenbar glauben, die Modelle würden immer besser und könnten künftig alle Jobs ganz ohne Menschen erledigen, haben in den USA laut einer aktuellen Studie 40 Prozent aller Menschen Angst vor der Technologie (oder den Menschen dahinter), was immer häufiger auch in Wut umschlägt. Die Verunsicherung ist groß, auch in Unternehmen.
Wer einen nüchternen, fast schon schmerzhaft realistischen Blick auf diesen Hype werfen will, sollte sich Scott Galloway im Podcast “The Diary of a CEO” mit Steven Bartlett anhören. Der NYU-Marketingprofessor, Tech-Investor, Multi-Millionär und Bestsellerautor seziert darin die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten hinter der künstlichen Intelligenz, abseits von Hype und Hysterie.
Das Geschäftsmodell der Angst: Warum CEOs apokalyptisch klingen
Galloway blickt mit tiefer Skepsis auf die drastischen Warnungen von Figuren wie Sam Altman oder Elon Musk, die regelmäßig das Ende aller Arbeitsplätze oder gar der Menschheit prognostizieren. Für ihn ist dieses sogenannte „Catastrophizing“ (Katastrophisieren) reines Kalkül und ein extrem effektives Fundraising-Werkzeug.
Wenn ein Gründer behauptet, seine Technologie sei so mächtig, dass sie die gesamte Gesellschaft aus den Angeln heben könnte, erzeugt das eine immense Dynamik und mediale Präsenz. Es lässt das Produkt unverzichtbar wirken und rechtfertigt vor Risikokapitalgebern astronomische Unternehmensbewertungen.
„Ich halte das meiste davon für Bullshit. Das Katastrophisieren ist nichts weiter als der dünn verschleierte Versuch zu sagen: Meine Technologie ist so verheerend, dass sie die Gesellschaft verändern wird – also solltet ihr zu dieser verrückten Bewertung investieren.“ (Scott Galloway)
In der Realität, so Galloway, stützen die nackten Wirtschaftsdaten diese Endzeitszenarien überhaupt nicht. Die Arbeitslosenquoten bewegen sich im historischen Normalbereich und die Zahl der Neugründungen pro Kopf habe sich in den USA sogar massiv erhöht. Selbst vermeintliche Paradebeispiele für Berufe, die durch KI einfach komplett ersetzt werden sollten – wie Radiologen oder Programmierer –, verzeichnen steigende Stellenausschreibungen. Das Scannen eines Bildes oder das Schreiben einer Codezeile sei eben nur ein Bruchteil des eigentlichen Jobs. Die wahre Wertschöpfung liegt in der Diagnose, dem Behandlungsplan oder der strategischen Einordnung. Und dafür braucht es weiterhin Menschen.
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Jede technologische Revolution der Geschichte ist durch genau diesen Zyklus gegangen: Auf die anfängliche Panik folgt eine Phase der Effizienzsteigerung, die letztlich zu höheren Margen, neuen Geschäftsfeldern und damit zu einem Beschäftigungswachstum führt. KI wird laut Galloway Arbeitsplätze verändern und umschichten, aber sie wird den Arbeitsmarkt nicht vernichten. Es werden neue Kompetenzen gefragt werden und es gibt Chancen auf mehr Wachstum, aber auch klare physikalische Grenzen.
Die unhaltbaren Bewertungen und das “Impfstoff-Szenario”
Ein zentraler Gedanke Galloways dreht sich um die Frage, wie die enormen Summen, die derzeit in die KI-Infrastruktur und Rechenzentren fließen, jemals eine Rendite abwerfen sollen. Damit die aktuellen Bewertungen der Tech-Giganten an der Wall Street substanziell gerechtfertigt sind, müsste in den kommenden Jahren eines von zwei Szenarien eintreffen: Entweder generieren Unternehmen weltweit durch völlig neue KI-Produkte eine zusätzliche Rendite von einer Billion Dollar – oder die Margen der Konzerne explodieren, weil sie massenhaft menschliche Arbeitskräfte einsparen.
Derzeit sehen wir jedoch kaum neue, rein KI-getriebene Konsumgüter, und die Effizienzgewinne fließen nur langsam in die Bilanzen der Masse an Lizenznehmern. Wenn dieses Wachstum ausbleibt, droht dem Markt seiner Einschätzung nach eine brutale Korrektur von 50 bis 70 Prozent.
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Galloway entwirft hier das Szenario einer „Technologie-Konvergenz“. Er vergleicht KI mit bahnbrechenden Innovationen wie Impfstoffen, PCs oder der zivilen Luftfahrt. All diese Technologien haben die Welt unbestreitbar besser, sicherer und produktiver gemacht. Aus Investorensicht waren sie jedoch oft katastrophale Geschäftsmodelle. Die gesamte Luftfahrtindustrie hat über ihre Historie hinweg kumuliert kaum unterm Strich Geld verdient; Impfstoffhersteller verzeichnen trotz Milliarden geretteter Leben massive Kursverluste.
Warum? Weil die zugrundeliegenden Technologien immer ähnlicher werden. Sobald eine Technologie austauschbar wird, setzt ein massiver Preiskampf ein. KI wird KI das Geschäft kaputtmachen, Modelle aus China werden den Markt mit Gratis-Alternativen fluten, und der wirtschaftliche Wert wird nicht bei einigen wenigen Tech-Monopolen hängenbleiben, sondern direkt an die Endnutzer und damit an die Gesellschaft durchgereicht. Man könne zudem eine beue Technologie nicht zum Schaden einer Mehrheit der Menschen durchsetzen, das würde zu einer Revolution führen.
Die unhaltbaren Heilsversprechen der Tech-Führer
Galloway warnt zudem eindringlich vor der gesellschaftlichen Tendenz, Tech-CEOs wie moderne Heilsbringer zu verehren. Er zieht eine Parallele zur Religion: In einer Welt, in der die Bindung an traditionelle Glaubensgemeinschaften schwindet, suchen Menschen nach neuen, allwissenden Autoritäten. Wenn wir Prompts in ein LLM eingeben, gleicht das fast einem Gebet an eine vermeintlich höhere, empathische Entität.
In dieses Vakuum stoßen Figuren wie Sam Altman, die mit leiser, besorgter Stimme auftreten und betonen, wie sehr sie sich um die Regulierung ihrer eigenen Werkzeuge sorgen. Galloway stellt klar: Im System des Kapitalismus ist es der Job dieser Tech-CEOs, den Gewinn pro Aktie jeden Tag um einen Cent zu steigern – koste es, was es wolle.
„Können wir Sam Altman also vertrauen? Nein, aber wir sollten ihm auch gar nicht vertrauen müssen. Wir sollten darauf vertrauen können, dass wir kluge gewählte Politiker haben, die diese Unternehmen regulieren.“ (Scott Galloway)
Historisch gesehen hat kein Marktsegment sich jemals selbst zum Wohle der Allgemeinheit beschränkt. Die Tabakindustrie hätte ohne staatliche Verbote weiterhin Zigaretten an Zwölfjährige vermarktet, und Automobilkonzerne würden ohne Umweltauflagen noch heute Schwermetalle in Flüsse leiten.
Genau aus diesem Grund ist eine strenge, staatliche Regulierung von KI nicht nur unvermeidlich, sondern absolut notwendig, sei es zur Eindämmung der enormen Energiekosten oder zum Schutz vor digitaler Überwachung. Diese Regulierung wird kommen und den Markt neu aufmischen. Und das gilt insbesondere auch für die Suche bzw. die Nutzung von urheberrechtlich geschützten Inhalten wie Bilder, Musik oder Texten.
Der wahre Gewinner im digitalen Wandel
Wer im Haifischbecken überleben will, darf keine Angst vor Rückschlägen haben. Die gestiegenen Margen und Gewinne, die durch die Konsolidierung entstehen, führen am Ende dazu, dass Unternehmen expandieren, neue Firmen aufkaufen und an anderer Stelle wieder neue, höherwertige Arbeitsplätze schaffen.
Für die SEO- und Marketingbranche bedeutet das: Keine Panik vor kurzfristigen Trends. Statt unausgegorenen Hypes hinterherzurennen und panisch auf jeden “GEO”-Zug aufzuspringen, nur um den Anschluss nicht zu verpassen, gilt es, die Veränderung genau zu beobachten und gleichzeitig auf die Fähigkeiten zu setzen, die langfristig unersetzbar bleiben: Echtes Storytelling, das Aufbauen von tiefen, emotionalen Beziehungen zu Kunden und das Gewinnen von echtem, menschlichem Vertrauen. Das wird keine KI jemals schaffen.
Scott Galloway im Podcast “Alles gesagt” der Zeit
Auf der OMR in Hamburg war Scott Galloway, der die US-Demokraten berät, im Podcast “Alles gesagt” zu Gast und äußerte sich darin ebenso klar über die politische Lage in den USA.
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